Freinet-Pädagogik

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Biographie Célestin Freinet
Grundlagen
NW-Unterricht nach Freinet
 
 
 

  NW-Unterricht nach Freinet

Es verwundert den eingefleischt Fachlehrer, aber die Grundsätze und Techniken des Célestin Freinet sind gut im modernen, kompetenzorientierten NW-Unterricht zu praktizieren.

Das Grundanliegen von Célestin Freinet bestand darin, die bestmögliche Verwirklichung und Entwicklung des Heranwachsenden durch die Kraft der Arbeit mit der Erziehung zu aktiver Demokratie und sozialem Wissen zu verbinden.
Der Unterricht in den Naturwissenschaften verbindet beides in idealer Weise miteinander - naturwissenschaftliche Erkenntnisse gilt es zu erarbeiten und gleichzeitig fordern die Naturwissenschaften ein stetes Reflektieren sowie kritisches Hinterfragen. Darüber hinaus befassen sich die Naturwissenschaften mit Fragestellungen und Problemen, die auf das Engste mit der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler verwoben sind.

Wenn man sich auf Freinet einlässt, dann gilt es gerade auf die o.g. Aspekte zu achten. Freinets eigene schulischen Erfahrungen waren von Strenge, Zwang und Qual gekennzeichnet - sein Ansatz als Lehrer war der Weg zu einer "Arbeitsschule", in der Schüler selbstbestimmt durch aktive Lernarbeit zu Lernergebnissen kommen, die anschließend veröffentlicht werden und eine Würdigung - zumindest vor der Klasse - erfahren. Im Rahmen eines kompetenzorientierten NW-Unterrichtes ist es ebenfalls wichtig, Phasen selbstständigen Lernens zu initiieren und die Ergebnisse abschließend dem Plenum zu präsentieren. Die verschiedenen Freinet-Techniken dienen dabei als Werkzeuge des Unterrichts.   

Es sind viele verschiedene Freinet-Techniken in der Literatur zu finden; aus meinen bisherigen Erfahrungen und den Veröffentlichungen von M. Riemer sind nachfolgende Techniken und deren Konkretisierungen im NW-Unterricht gut anwendbar:

Arbeitsplan Wochenplan mit Aufgabenstellungen  
Atelier-Arbeit Lerntheke / Lernzirkel  
freies Experimentieren Interaktionsbox / egg-race / Forscherboxen  
Erkundung / Exkursion Exkursion zu außerschulischen Lernorten, Besuch von Experten  
Klassenzeitung Plakate über die erarbeiteten Themen (Dokumentation)  
Materialsammlung Herstellung eines Arbeitsportfolios, Sammeln von Naturgegenständen für den Unterricht, Herstellung von Präparaten  
Verantwortliche für Gruppen Bildung fester Arbeitsgruppen, in denen die einzelnen Aufgabenstellungen zur Zusammenarbeit (z.B. Zeitwächter, Materialwächter etc.) durch die Schüler bestimmt werden.  
Druckerei Herstellung von Lerndokumenten  
Klassenrat / Kreis allgemein Besprechung, Vorstellung und Planung von Arbeiten und Arbeitsprozessen  
 
Um diese wenigen Techniken anwenden zu können, ist eine Umgestaltung des Unterrichtsraumes ratsam: Es sollte wenigsten eine Arbeitsecke für das freie Experimentieren und Recherchieren von NW-Themen bereit stehen. In dieser Ecke sind die notwendigen Forscherboxen, Fachmaterialien, die bisherigen Veröffentlichungen der Schüler sowie NW-spezifische Literatur zu lagern.
Die Bildung von Sitzkreisen, in denen ein neues Thema eingeführt, der Arbeitsstand sich gegenseitig vorgestellt oder der Abschluss einer Arbeitsreihe begangen wird, ist ebenso notwendig - das Mobiliar sollte folglich zu bewegen sein (im Gegensatz zu den meisten traditionell eingerichteten NW-Fachräumen). Jedoch gilt es an dieser Stelle immer wieder zu bedenken: Auch Célestin Freinet hat so manches Mal improvisieren müssen - warum dann nicht auch der NW-Lehrer auf den Spuren dieses Reformpädagogen. Ein Sitzkreis kann durchaus auch auf dem Flur, dem Schulhof .... erfolgen; das Atelier kann im NW-Raum wie beim Stationenlernen / Lerntheke organisiert werden! Kreativität und die Grundhaltung zum Lernenden bestimmen den wahren Freinet-Pädagogen, nicht der stupide Werkzeuggebrauch!

Neben den o.g. Techniken gibt es auch sogenannte Freinet-Derivate (vgl. RIEMER 2004), von denen einige wenige nachfolgend kurz genannt werden:

Aus Forschung und Alltag Schüler berichten einmal im Monat über aktuelle Themen aus den Naturwissenschaften.  
Schatz des Monats Schüler bringen einen Gegenstand zu den Naturwissenschaften mit und berichten darüber.  
Presseschau Besprechung von Artikeln, die durch die Schüler gesammelt wurden.  
Pflanze / Tier der Woche Die Schüler sind in einer Woche des Schuljahres verantwortlich, ein entsprechendes Lebewesen begründend auszuwählen und eine Ausstellung zu erstellen.  
 
Freinet-Derivate stellen moderne Ausprägungen der Freinet-Pädagogik dar, welche dem Ansatz von Célestin Freinet entsprechend SchülerInnen zu selbstständiger Arbeit, freiem Ausdruck und Präsentation der Arbeitsergebnisse animieren. Sie können flankierend zur allgemeinen Unterrichtsarbeit eingesetzt werden.

Wer die Idee des Célestin Freinet in seinem NW-Unterricht anwenden möchte, der sollte zunächst die entsprechende Geisteshaltung (vgl. Grundsätze der Freinet-Pädagogik) verinnerlicht haben.
Anschließend gilt es aus dieser Geisteshaltung heraus die Techniken und Methoden als mögliche Werkzeuge sinnstiftend zu gebrauchen - mehr als Werkzeuge sind sie nämlich nicht. Man erkennt den Freinet-Pädagogen weniger an der sturen und ausschließlichen Nutzung von  Freinet-Methoden als vielmehr an der freundlichen und aufmerksamen Haltung gegenüber dem Schüler. Daher unterrichtet man auch weniger "nach Freinet" - man  begibt man sich auf den Weg des Célestin Freinet und versucht seine eigene Interpretation von dieser Bewegung zu schaffen. Es ist die Vielfalt an Freinet-Lehrern mit ihren individuellen Ansätzen, Sichtweisen und Handlungen, welche die Freinet-Pädagogik - nicht nur der heutigen Zeit - ausmachen. Deshalb war für Freinet gerade der Austausch unter Lehrern so wichtig: Im kollegialen Austausch erhält man neue Ideen, Anregungen und Konzepte, welche im eigenen Unterricht ausprobiert und entweder etabliert oder aber verworfen werden. Célestin Freinet profitierte von diesem ständigen Austausch. 

"Wege entstehen beim Gehen!" - wer sich mit den Ideen und Gedanken eines Freinet angefreundet hat, der beginnt einfach mit der Veränderung seines traditionellen Unterrichtes. Es ist oftmals nicht einfach, diesen Weg konsequent zu gehen. Manchmal kommen die Lernenden mit der neuen großen Freiheit nicht zurecht, dann muss man ihnen eben mehr Lenkung bieten. Doch mit der Zeit kann man - wenn auch nur bei vereinzelten Schülerinnen und Schülern - das Interesse am selbstbestimmten Arbeiten aufflackern sehen. Und dann gilt es gerade diesen Heranwachsenden die für das aktive Lernen notwendige Lernumgebung zu gestalten.

Wer selbstbestimmt und selbstständig arbeitet, der entwickelt entsprechende Kompetenzen dafür und konstruiert sich seine Welt! Allein dadurch hat die Freinet-Pädagogik bis heute nicht an Aktualität verloren.

Und es scheint vieler Orts zu funktionieren ......

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  Literatur:

JÖRG, H. (1981): Praxis der Freinet-Pädagogik. Übers. von C. Freinets "Les techniques Freinet de l´Ecole Moderne". Paderborn.
RIEMER, M. (2004): Konstruktivistische Aspekte einer biologiedidaktischen Neuorientierung - metatheoretische und empirische Analysen zur Freinetpädagogik. Baltmannsweiler
© Michael Hänsel