Freinet-Pädagogik

Sie befinden sich hier: Homepage > NW-Unterricht > Freinet-Pädagogik > Celestin Freinet

Navigation Freinet-Pädagogik

Celestin Freinet
Grundlagen der Freinet-Pädagogik
NW-Unterricht nach Freinet
 
 
 

  Wer war Célestin Freinet?

Von der Geburt bis zum 1.Weltkrieg
Geboren wurde der Begründer der gleichnamigen Reformpädagogik am 15. Oktober 1896 in Gars (Frankreich) in der Provence als fünftes Kind einer kleinbäuerlichen Familie.
Er musste bereits in früher Jugend mit seinen Geschwistern auf den Feldern mithelfen - seine Naturverbundenheit soll daher rühren. Seine Schulzeit stellte Freinet als eine Qual dar. Sie sollte später seine Abhandlungen und Arbeiten beeinflussen. Trotz dem galt Célestin als aufgeweckter Schüler und wurde daher von seinen Lehrern für das Lehrerstudium vorgeschlagen. 1913 begann seine Lehrerausbildung, jedoch wurde er 1915 zum Kriegsdienst eingezogen. Vor Verdun wird er 1916 durch einen Lungensteckschuss schwer verwundet. Vier Jahre kuriert er seine Kriegsverletzung ohne nennenswerten Erfolg. In dieser Zeit liest er pädagogische Schriften von Rousseau, Pestalozzi und anderen bedeutenden Erziehern. In dieser Zeit kommt er aber auch mit den Schriften von Marx und Lenin in Kontakt -  sie werden sein Leben und seine Pädagogik maßgeblich mitprägen.

   


Die Jahre nach dem 1.Weltkrieg
Eine Linderung seines Lungenleidens, welches er Zeitlebens behält, erlangt Freinet erst durch seine Eigenmedikation mit Naturheilmethoden, so dass er 1920 seine erste Lehreranstellung an einer dörflichen Grundschule in Bar-sur-Loup erhält. Hier besinnt er sich auf eine natürliche, naturnahe und kindgemäße Erziehung, die er der altersgemischten Lerngruppe angedeihen lässt.
Aufgrund der Schriften zum Kommunismus kommt Célestin Freinet zu der Erkenntnis, dass eine Änderung sozialer Verhältnisse nur erreicht werden kann, wenn man sich zusammenschließt, wenn die Werktätigen miteinander kooperieren und jeder vor Ort dazu beiträgt, für gerechtere und menschenwürdigere Bedingungen zu sorgen. Also schloss er sich mit anderen Lehrerkollegen von Volksschulen zusammen und versuchte mit ihnen Schulunterricht zu verändern. Es waren die Ideen von Hermann Lietz, die ihn zur Gründung eines eigenen Landerziehungsheimes in Vence anregte. Sein Ziel war die Schaffung einer Arbeitsschule, seine Devise lautet "Par la vie - pour la vie - par le travail" und prägte fortan sein pädagogisches Werken.
Er reist sehr viel nach Deutschland und besucht dort namhafte Pädagogen, um deren Schulformen vor Ort kennen zu lernen. Er kopiert und adaptiert dabei Elemente, welche er für sich als nützlich ansieht. Er lernt in den folgenden Jahren Persönlichkeiten wie Peter Petersen und Adolphe Ferriére kennen, die seine Schaffenskraft maßgeblich beeinflussen.

Die Freinet-Pädagogik entwickelt sich
Es ist seine alte Kriegsverletzung, die ihm beim Sprechen im Unterricht immer wieder Probleme macht. Dieser Umstand soll Freinet umgetrieben haben nach neuen Möglichkeiten zu suchen, Schüler mit verschiedenen Techniken und wenig frontaler Lehrertätigkeit zu unterrichten. Ein weiterer Antrieb dürfte aber auch seine politische Gesinnung gewesen sein, den Schülern der Volksschule eine Bildung zuteil werden zu lassen, die sie "von den proletarischen Fesseln befreit".  In diesen Kämpfen der Arbeiterklasse spielen die Volksschullehrer der 20iger Jahre eine bedeutende Rolle.
Sein erstes Arbeitsmittel ist die 1924 gekaufte Druckpresse, mit denen Schüler ihre Texte vervielfältigen und verbreiten sollen. Er führt die Schuldruckerei als neue Technik im Schulunterricht ein. Die Schüler konnten so ihre eigenen Texte gestalten und veröffentlichen: Die Klassenzeitung war entstanden. Mit der Zeit ersetzten die so gedruckten freien Texte die Schulbücher. Fast gleichzeitig beginnt er einen Schülerkorrespondenzaustausch mit einer weiteren Schulklasse in Trégunc: Die Schüler senden sich in regelmäßigen Abständen Druckerzeugnisse, um den eigenen Texten eine weitergehende Verbreitung zu ermöglichen.

   


Zu dieser Zeit gründet er mit der "Coopérative de l´ Enseignement Laic" (C.E.L.) eine Lehrer-Kooperative, die auch nach seinem Tod bestand hat. Aus ihr ging die Bewegung "moderne Schule" hervor. Das erklärte Ziel dieser Lehrerbewegung bestand darin, das traditionelle Schulwesen von innen zu verändern. Dazu sah es Freinet als unabdingbar an, mit möglichst vielen Lehrern zusammen zu arbeiten und sich auszutauschen - einer der Grundsätze der C.E.L..
Im März 1926 heiratet Célestin Freinet Élise, die bis zu seinem Tod auch seine engste Mitarbeiterin und Kritikerin war.

   

Freinet nutzte alle Gelegenheiten, um im Ausland neue Schulformen kennen zu lernen. Vor allem die Entwicklungen im deutschen Schulwesen interessieren Freinet und inspirieren seine eigene Pädagogik. Bis 1927 kooperieren in Frankreich 41 Lehrer mit Freinet und tauschen sich aus.
1934 bauen die Freinets in Vence ihre eigene Schule auf, die als "L´Ecole Moderne" am 1.Oktober 1935 eröffnet wird. Vorher hatte Célestin seine Rente eingereicht.

Freinet - ein Kommunist?
Seine Herkunft und sein Wirken als Pädagoge brachten ihn zur Kommunistischen Partei Frankreichs, der er 1925 beitrat. Zeit seines Lebens aber ließ sich Freinet nicht auf Parteilinie bringen, sondern favorisierte einen freien Kommunismus. Er war zugleich auch Anarchist, denn er negierte Herrschaft. Dies wird auch in seiner Pädagogik deutlich: Kinder verwalten ihr Leben in der Schule und ihr Lernen selber durch Verantwortlichkeit, Arbeitspläne, Disziplin, Klassenversammlung, freier Ausdruck .... Die Besetzung Frankreichs durch die Nationalsozialisten sorgte 1940 für die Internierung Freinets. In dieser Zeit schrieb er seine grundlegenden pädagogischen Arbeiten. Seine Schule blieb in dieser Zeit geschlossen.

   


Die Nachkriegszeit ab 1945
Im Jahr 1946 wird die Schule der Freinets wiedereröffnet, wobei Èlise Freinet die Leitung übernahm. Sein Begründer hingegen widmet sich ausschließlich der Arbeit in der C.E.L. und veranstaltet Kongresse, gründet Zeitschriften sowie weitere Kooperativen und konstruiert pädagogisches Material. Dabei nutzt er sehr oft Ideen anderer Reformpädagogen der westlichen Welt und experimentiert damit; so manche dieser Ideen werden auf diesem Wege verworfen!
Aufgrund von Hetzkampagnen und Anfeindungen tritt Freinet 1948 aus der kommunistischen Partei aus; bis zu seinem Lebensende versuchte die Partei immer wieder eine Annäherung an Freinet, der sich jedoch immer wieder versagte.
1950 ist die Freinet-Bewegung auf ihrem Höhepunkt. Die internationale Vereinigung der Freinet-Bewegung wurde 1957 gegründet. Freinet war so aktiv und besessen wie nie zu vor. Nur wenige Tage vor seinem 70.Geburtstag verstarb Célestin Freinet am 8.Oktober 1966 in Vence. Seine Frau Élise sorgte fortan dafür, dass die Freinet-Bewegung weiterlebte. Sie veröffentlichte 1977 das einflussreiche Buch "Erziehung ohne Zwang", in dem sie das Lebenswerk ihres Ehemannes beschrieb. Èlise Freinet starb am 30. Januar 1983 - die Freinet-Bewegung aber blieb bestehen!

Es war Célestin Freinets lebenslanger Kampf für die freie Entfaltung der kindlichen Persönlichkeit, für Kreativität und freien Ausdruck, für freien Text und freien Gedankenaustausch zwischen den Schulen und den Schülern, die ihn so einmalig machen. In nahezu allen seinen Schriften ruft er dazu auf, sich an allen Orten, in allen politischen Richtungen und weltanschaulichen Gruppierungen zu engagieren, um eine von obrigkeitlichen Zwängen sowie einseitiger politischer Indoktrination freie Schule zu erhalten! Dies prägt die Pädagogik des Célestin Freinet.

"Ich werde mich nicht einseitig einer politischen Gruppe anschließen. Wenn die Politik sich der Schule bemächtigt, zieht die Pädagogik aus. Uns geht es um das Kind und nur um das Kind."
CélestinFreinet 1963 auf einem Kongress in Niort (nach Hans Jörg, S. 96 in A. Hellmich / P. Teigeler (Hrsg.): Montessori-, Freinet- und Waldorfpädagogik", 2007, Weinheim).



 

© Michael Hänsel